8. Juni 2026
Wenn Personen wichtiger werden als der Club: Was Eintracht Frankfurt über Governance....
Dann geht es nicht mehr nur um Tabellenplätze, Trainerdiskussionen oder vergebene Torchancen. Dann wird ein Verein zum Spiegel für etwas Größeres: für Führung, Verantwortung, Kontrolle — und für die Frage, ob eine Organisation noch über den Personen steht, die sie führen.
Eintracht Frankfurt ist aktuell so ein Fall.
Der Club hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Internationaler Anspruch. Wirtschaftliches Wachstum. Transfererlöse. Sichtbarkeit. Strahlkraft. Eine Marke, die weit über Frankfurt hinaus Relevanz gewonnen hat.
Aber genau mit diesem Wachstum steigt auch die Verantwortung.
Und genau hier beginnt die unbequeme Frage:
Sind die Schuhe der SGE inzwischen größer geworden als die aktuelle Führungs- und Kontrolllogik?
Dino Toppmöller wurde nach einer sportlichen Durststrecke entlassen. Trotz gemeinsamer Erfolge. Trotz Entwicklung. Trotz einer Situation, die man kaum isoliert vom Kader, von Transfers und von der strategischen Gesamtplanung betrachten kann.
Dann kam Albert Riera.
Nicht als Übergangslösung. Nicht mit maximaler Flexibilität. Sondern mit einem langfristigen Vertrag. Und genau hier wird es spannend. Denn wenn ein Trainer nach wenigen Monaten schon wieder als Risiko diskutiert wird, dann ist das nicht nur eine Trainerfrage.
Dann ist es eine Entscheidungsfrage. Wer hat diese Laufzeit empfohlen? Wer hat das Risiko bewertet? Wer hat die Alternativen geprüft? Wer hat entschieden, dass ein langfristiges Commitment in einer sportlich angespannten Situation sinnvoll ist? Und wer trägt Verantwortung, wenn diese Entscheidung den Verein nun teuer zu stehen kommen könnte?
Im Fußball ist der Trainer immer der sichtbarste Verantwortliche. Er steht an der Seitenlinie. Er gibt die Interviews. Er erklärt die Niederlagen. Er bekommt die Pfiffe. Er wird zur Projektionsfläche.
Aber die strukturellen Entscheidungen entstehen darüber. Kaderplanung. Transferstrategie. Trainerwahl. Vertragslaufzeiten. Risikomanagement. Kontrolle.
Und damit landet man zwangsläufig bei der sportlichen Führung rund um Markus Krösche. Krösche hat Eintracht Frankfurt geprägt. Keine Frage. Transfererlöse, Talententwicklung, wirtschaftliche Wertschöpfung — all das gehört auf die Habenseite.
Aber genau deshalb muss man fragen dürfen: Warum wird ein Trainer für eine Durststrecke entlassen, während die strategische Verantwortung für Kader, Trainerwahl und sportliche Gesamtarchitektur nicht mit derselben Schärfe diskutiert wird?
Wenn Leistungsträger verkauft werden, wenn zentrale Achsen wegbrechen, wenn ein Top-Torwart ersetzt werden muss, wenn die Kaderbalance nicht mehr stimmt und wenn anschließend der Trainer die sportliche Instabilität ausbaden soll, dann ist das zu einfach.
Dann reicht es nicht zu sagen: Der Trainer liefert nicht. Dann muss gefragt werden: Wer hat ihm diesen Kader gegeben? Wer hat die Mannschaft so zusammengestellt? Wer hat sportliche Substanz gegen Transferlogik abgewogen? Wer hat entschieden, welche Qualität ersetzt werden kann — und welche nicht? Wer hat unterschätzt, dass Führung, Hierarchie und Stabilität auf dem Platz nicht einfach nachgekauft werden können?
Das ist keine Polemik.
Das ist Governance.
Und damit kommt die nächste, noch unbequemere Frage:
Was macht eigentlich der Aufsichtsrat? Ein Aufsichtsrat ist nicht dafür da, Erfolge aus der Vergangenheit nur zu verwalten oder prominente Führungspersonen abzusichern.Ein Aufsichtsrat ist dafür da, die Organisation zu schützen.
Gerade dann, wenn Personen stark geworden sind. Gerade dann, wenn ein Club gewachsen ist. Gerade dann, wenn Macht, Erfolg und öffentliche Anerkennung dazu führen können, dass kritische Distanz verloren geht.
Auch bei Axel Hellmann zeigt sich diese Dimension. Auch hier gilt: Hellmann hat für Eintracht Frankfurt viel aufgebaut. Professionalisierung, Vermarktung, wirtschaftliche Entwicklung, institutionelle Relevanz — das ist unbestritten.
Aber gute Governance stellt nicht nur die angenehme Frage:
Was wurde aufgebaut? Sie stellt auch die unangenehme Frage:
Was wird gerade riskiert? Denn wenn sportlich Unruhe herrscht, wenn Trainerentscheidungen nach kurzer Zeit infrage stehen, wenn Kaderentscheidungen diskutiert werden und wenn parallel über langfristige Bindungen und deutliche Aufwertungen auf Vorstandsebene gesprochen wird, entsteht ein gefährlicher Eindruck:
Nicht mehr der Club steht im Zentrum. Sondern die Absicherung einzelner Personen.
Und genau das darf in keiner Organisation passieren. Nicht im Fußball. Nicht im Mittelstand. Nicht im Konzern. Nicht im Vorstand. Nicht im Aufsichtsrat.
Der Club muss immer größer sein als die Personen, die ihn temporär führen.
Vorstände kommen. Trainer kommen. Sportdirektoren kommen. CEOs kommen. CFOs kommen. Aufsichtsräte kommen.
Aber die Organisation bleibt. Und wenn Entscheidungen falsch laufen, zahlen am Ende selten die handelnden Personen den höchsten Preis.
Der Verein zahlt ihn. Die Mannschaft zahlt ihn. Die Mitarbeiter zahlen ihn. Die Fans zahlen ihn. Die Marke zahlt ihn. Die Kultur zahlt ihn. Die Zukunftsfähigkeit zahlt ihn.
Im Fußball sieht man diese Dynamik schneller.
Die Tabelle ist öffentlich. Die Kurve reagiert sofort. Die Medien erhöhen den Druck. Der nächste Spieltag liefert das Urteil.
In Unternehmen dauert es länger. Dort sieht man die Folgen nicht am Samstagabend, sondern Monate oder Jahre später In sinkender Performance. In stiller Fluktuation. In Machtzirkeln. In schlechten Besetzungen. In kultureller Ermüdung. In Strategiepapieren, die intern noch verteidigt werden, obwohl der Markt sie längst widerlegt hat.
Und genau deshalb ist das Beispiel Eintracht Frankfurt mehr als eine Fußballgeschichte.
Es ist ein Lehrstück über die Executive Bubble.
Je höher Menschen kommen, desto weniger Widerspruch bekommen sie.
Kritik wird vorsichtiger formuliert. Risiken werden relativiert. Schlechte Nachrichten kommen später. Erfolge aus der Vergangenheit werden zum Schutzschild für Entscheidungen in der Gegenwart.
Und irgendwann wird nicht mehr gefragt:
Was braucht die Organisation?
Sondern:
Wie schützen wir die handelnden Personen?
Das ist der gefährlichste Moment.
Denn dann wird Governance zur Fassade.
Dann kontrolliert der Aufsichtsrat nicht mehr ausreichend kritisch. Dann wird der Vorstand nicht mehr ausreichend herausgefordert. Dann wird der Trainer zur Projektionsfläche. Dann werden strukturelle Fehler individualisiert. Dann werden Personen geschützt, während die Organisation leidet.
Die unbequeme Wahrheit lautet:
Ein starker Club braucht starke Personen. Aber er darf niemals von ihnen abhängig werden.
Das gilt für Eintracht Frankfurt.
Und es gilt für jedes Unternehmen.
Wenn ein CEO eine Strategie nicht mehr hinterfragt, weil sie einmal erfolgreich war, entsteht Risiko.
Wenn ein CFO an einer Kapitalallokation festhält, obwohl die Realität sich verändert hat, entsteht Risiko.
Wenn ein CHRO Führungsprobleme schönredet, weil die betroffene Person intern mächtig ist, entsteht Risiko.
Wenn ein Aufsichtsrat zu nah am Vorstand ist, entsteht Risiko.
Wenn eine Organisation beginnt, Personen wichtiger zu nehmen als ihre eigene Zukunft, entsteht kein Kulturproblem.
Dann entsteht ein Governance-Problem.
Und genau deshalb muss die Reihenfolge immer klar bleiben:
Erst die Organisation. Dann die Personen.
Erst der Club. Dann der Vorstand.
Erst die Zukunftsfähigkeit. Dann die persönliche Bilanz.
Erst Verantwortung. Dann Loyalität.
Eintracht Frankfurt hat in den vergangenen Jahren viel gewonnen. Sportlich, wirtschaftlich, emotional.
Aber Wachstum braucht mehr als Selbstbewusstsein.
Wachstum braucht Kontrolle. Wachstum braucht Demut. Wachstum braucht unabhängige Spiegelung. Wachstum braucht Menschen, die auch dann unbequeme Fragen stellen, wenn sie intern nicht opportun sind.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur:
Bleibt Riera Trainer?
Die entscheidende Frage lautet:
Wer übernimmt Verantwortung für die Entscheidungen, die zu dieser Situation geführt haben?
Und noch größer:
Wer stellt sicher, dass Eintracht Frankfurt immer größer bleibt als die Personen, die den Club gerade führen?
Denn wenn Personen wichtiger werden als die Organisation, verliert am Ende nicht nur ein Trainer seinen Job.
Dann verliert die Organisation ihre Klarheit. Und irgendwann auch ihre Richtung.
Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment für eine unbequeme, aber notwendige Governance-Debatte — im Fußball wie in der Wirtschaft.
Liebe Eintracht Frankfurt, lieber Aufsichtsrat, liebe Governance: Der Club muss immer größer bleiben als die Personen, die ihn gerade führen.
Gregor Teamrat Ghirmay
Ghirmay Executive & Sports Advisory
