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Ein Grundstück. Ein Berater. Drei Transfers. Vier Jahre lang wusste der Aufsichtsrat von nichts.

Das ist kein Boulevard-Thema. Das ist ein Governance-Fall.

Der Fall Krösche: Warum nicht das Grundstück das Problem ist – sondern dass es vier Jahre niemand gemerkt hat

Man kann darüber streiten, ob ein privater Grundstückskauf auf einer kroatischen Insel überhaupt eine öffentliche Angelegenheit ist. Man kann Krösches Erklärung auch Glauben schenken: Sein Anwalt bestreitet gegenüber der „Bild" jeden Zusammenhang mit Transferentscheidungen und jede direkte oder indirekte Bevorteilung durch den beteiligten Berater. Beides ist möglich. Und beides ändert nichts an der eigentlichen Frage, um die es hier geht.

Die berichteten Fakten: Krösche erwarb im Mai 2022 ein Grundstück auf der Insel Dugi Otok – der Kaufvertrag war laut „Bild"-Recherche vertraglich mit einem zweiten Grundstücksgeschäft gekoppelt, das am selben Tag von Lana Banely abgeschlossen wurde, der Ehefrau des Spielerberaters Andy Bara. Im gleichen Zeitraum verhandelte Krösche als Sportvorstand mit genau diesem Berater mehrere Transfers: Drei Spieler aus Baras Agentur wechselten 2021/22 nach Frankfurt, zwei davon floppten sportlich. Dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Philip Holzer hat Krösche die geschäftliche Verbindung zur Familie Bara nicht angezeigt. Die Geschäftsbeziehung zu Banely reichte zudem über den Grundstückskauf hinaus: Krösche beauftragte ihr Unternehmen auch mit der Errichtung des Ferienhauses auf dem Grundstück. Bekannt wurde der gesamte Vorgang erst jetzt, vier Jahre später, durch die Medienrecherche.

Ob daraus eine tatsächliche Vorteilsnahme folgt, ist nicht die Frage, die ich hier beantworten kann oder will. Das ist Sache der zuständigen Gremien, nicht meine. Die Frage, die aus Governance-Sicht zählt, ist eine andere: Warum brauchte es eine Boulevardzeitung, um einen möglichen Interessenkonflikt aufzudecken – und nicht ein internes Kontrollsystem?

Trotzdem lohnt der Blick auf die Faktenlage, so unvollständig sie bleibt. Zwei der drei Transfers aus Baras Agentur blieben laut übereinstimmenden Berichten sportlich deutlich hinter den Erwartungen zurück; nur Kristijan Jakic etablierte sich dauerhaft. Das ist ein Indiz, mehr nicht – Krösches größte und lukrativste Transfererfolge, allen voran die Verkäufe von Kolo Muani, Marmoush und Ekitiké, haben mit Bara nichts zu tun, und auch die besten Sportvorstände verpflichten gelegentlich Spieler, die nicht einschlagen. Aus zwei Fehlgriffen lässt sich keine verschobene Entscheidung beweisen – genauso wenig, wie sich aus einem Erfolg eine per se saubere Entscheidung beweisen ließe. Genau das ist der Punkt: Ob eine private Nähe eine berufliche Entscheidung tatsächlich verschoben hat, lässt sich im Nachhinein an den sportlichen Ergebnissen kaum je zweifelsfrei feststellen. Schlechte Verpflichtungen passieren auch ohne Interessenkonflikt, gute auch mit einem. Das ist kein Freispruch – es ist das eigentliche Argument für Offenlegungspflichten. Weil sich eine Beeinflussung im Nachhinein kaum beweisen lässt, muss die Prüfung vorher ansetzen: durch ein unabhängiges Vier-Augen-Prinzip bei Transfers mit Beratern, zu denen private Geschäftsbeziehungen bestehen. Genau diese vorgelagerte Kontrolle hat hier vier Jahre lang gefehlt.

In einem Unternehmen, das sich am Deutschen Corporate Governance Kodex orientiert, ist die unverzügliche Offenlegung solcher Nähebeziehungen gegenüber dem Aufsichtsrat gute Praxis – der Kodex empfiehlt genau das für Konstellationen wie diese. Genau diese Offenlegung ist hier vier Jahre lang unterblieben. Nicht zwangsläufig, weil etwas Verwerfliches passiert ist. Sondern weil das System offenbar nicht darauf ausgelegt war, einen solchen Sachverhalt überhaupt zu erkennen, bevor eine Zeitung es tut.

Bemerkenswert ist die offizielle Reaktion des Hauptausschusses selbst: Er sieht aktuell keine Anhaltspunkte, die weitergehende Maßnahmen erforderlich machen – räumt aber zugleich ein, dass eine frühzeitige Information über den Vorgang im Jahr 2022 aus Transparenzgründen sinnvoll und angemessen gewesen wäre, um den Anschein eines Interessenkonflikts von vornherein auszuräumen. Im Kern bestätigt das Kontrollgremium damit selbst: Die Offenlegung hat gefehlt.

Der Fall steht zudem nicht völlig isoliert: Auch der zwischenzeitlich verpflichtete Trainer Albert Riera stammt aus Baras Beraterumfeld – die Verpflichtung geriet sportlich zum Fehlgriff. Ob das für sich genommen ein Problem ist, sei dahingestellt. Aber es zeigt, wie eng das Beziehungsgeflecht zwischen Sportvorstand, Berater und Personalentscheidungen bei einem Bundesligisten sein kann – ohne dass es dafür eine gelebte Offenlegungsstruktur gibt.

Drei weitere Punkte verschärfen die Governance-Frage zusätzlich. Erstens reicht die geschäftliche Nähe zwischen Krösche und Bara weiter zurück als bis Frankfurt: Schon bei RB Leipzig, wo Krösche 2019 bis 2021 Sportdirektor war, war Bara an den Transfers von Josko Gvardiol und Dani Olmo beteiligt – es handelt sich also nicht um einen Einzelfall an einem Standort, sondern um ein wiederkehrendes Muster über zwei Vereine und mehrere Jahre. Zweitens ist Bara selbst keine unbeschriebene Figur im Beratergeschäft: Der Sportgerichtshof CAS stellte 2023 in einem Verfahren um den Transfer des damals 16-jährigen Jaka Cuber Potocnik zum 1. FC Köln fest, dass ein von Bara vorgelegtes Kaufangebot bei der Anhörung nicht bestätigt werden konnte – der Fall endete mit einer von der FIFA verhängten und vom CAS bestätigten Transfersperre für den Klub. Das belegt kein Fehlverhalten Baras im Fall Krösche – dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Es zeigt aber, dass die geschäftliche Nähe zu genau diesem Berater aus Compliance-Sicht eher erhöhte als reduzierte Sorgfalt verlangt hätte. Drittens ist der Aufsichtsrat, der Krösche aktuell sein Vertrauen ausspricht, personell gar nicht derselbe, der 2022 hätte informiert werden müssen – das Gremium hat sich seither erneuert. Das Vertrauensvotum stützt sich damit nicht auf gewachsene, informierte Kenntnis des ursprünglichen Vorgangs, sondern auf eine nachträgliche Aufarbeitung durch Personen, die zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht im Amt waren.

Das eigentliche Governance-Thema lautet deshalb nicht „Hat Krösche etwas falsch gemacht". Es lautet:

Gibt es bei Eintracht Frankfurt eine gelebte, regelmäßig überprüfte Pflicht, private Geschäftsbeziehungen zu Vertragspartnern wie Spielerberatern offenzulegen? Wer kontrolliert das – laufend, nicht erst, wenn die Presse anruft? Welche Konsequenz hat es, wenn eine Offenlegung vier Jahre lang unterbleibt? Und: Ist das ein Einzelfall – oder ein strukturelles Problem einer Branche, in der Sportdirektoren und Berater in einem viel zu engen, kaum regulierten Beziehungsgeflecht agieren? Und: Wird die Reputation von Geschäftspartnern wie Spielerberatern überhaupt systematisch geprüft, bevor private wie berufliche Beziehungen zu ihnen entstehen?

Ein Aspekt erschwert die Lage zusätzlich: Krösche gilt als einer der gefragtesten Sportvorstände Europas. Erst vor wenigen Wochen soll AC Mailand versucht haben, ihn samt Sportdirektor Timmo Hardung abzuwerben, bei Red Bull wird er als möglicher Nachfolger von Jürgen Klopp gehandelt. Aus Governance-Sicht ist das keine Randnotiz, sondern eine zusätzliche Warnung: Je unverzichtbarer eine Führungsperson für den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg erscheint, desto größer die Versuchung für ein Kontrollgremium, unangenehme Fragen zu vermeiden statt sie konsequent zu stellen.

Krösche mag am Ende rechtlich und sportlich sauber dastehen. Das würde die Kontrollstruktur trotzdem nicht entlasten, die diesen Fall vier Jahre lang nicht bemerkt hat.

Governance zeigt sich nicht in der Stellungnahme, wenn ein Fall öffentlich wird. Governance zeigt sich in der Meldepflicht, die längst hätte gelten müssen, bevor irgendjemand nachfragt.

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